
Fasziniert von der elektronischen Musik der Achtziger Jahre, dachte er, dass er das auch kann. Seine Inspiration fand er in Künstlern wie den Einstürzenden Neubauten oder Skinny Puppy. Eisentanz ist aber keiner, der gerne kopiert. Seine Begeisterung für die Akustik trieb ihn dazu, seinen persönlichen Stil zu entwickeln. Die Musik, die van Eisentanz produziert, ist metallisch, düster, aber zugleich organisch und lebendig. Bis zu fünfzig verschiedene Töne und Klänge werden mit Synthieflächen verwoben und schaffen ein Soundgebilde, das seinesgleichen sucht. Oft werden die Samples nicht in originaler Form beibehalten, sondern verzerrt, gedehnt oder zerschnitten und erneut zusammengesetzt. "Ich will Dead can Dance und die Neubauten verbinden", sagt van Eisentanz. Tatsächlich muten einige Elemente in seiner Klangwelt urtümlich und folkig. Immer wieder forscht er unbekannten Lauten nach, hält sie auf Band fest und ersinnt eine Verwendung für sie. Nicht immer baut er um einen Ton herum einen Song auf; manchmal gefällt ihm schlicht, wie er klingt.
Schnell wurde dem Soundfänger bewusst, dass er an die Öffentlichkeit muss, und er überlegte sich, wie er sein Projekt live umsetzen könnte. Viele Experimente und zahlreiche gescheiterte Auftritte hatte er hinter sich gebracht, bis ein geeignetes Konzept ausgearbeitet war. "Klar könnte ich alles playback machen und dazu eine Show abziehen". Doch dem Akustikjongleur geht es um Authentizität. Musik soll ein Handwerk bleiben.
Zu seinen Konzerten gehören phantastische Instrumente, die alle aus Eigenproduktion stammen und klingende Namen wie Shrotophon oder Barrelvoice tragen. Mit seinen fesselnden Performances begeistert der Künstler über die Szenegrenzen hinaus; er wird auch für Einweihungen und ähnliche Events gebucht. Innerhalb des Industrial-Umfelds ist er ein gefragter Mann. So tritt er als Gastmusiker bei der Schweizer Band Jesus and the Gurus mit seiner Metalbodydrum auf und überzeugt auch das Publikum im Ausland. Wie viele Sounds er auf seiner Jagd nach neuen Geräuschen bereits eingefangen hat, kann er nicht sagen, doch er ist weiterhin auf der Suche. Speziell für die LeserInnen von Orkus stellt Eisentanz zwei unveröffentlichte Tracks gratis auf seiner Website zum Download zur Verfügung, damit ein Eindruck seiner Klangkünste gewonnen werden kann.
Discographie (Alben):
SO21 - Special Edition (2007)
Eisentanz_2_0_1_0_ (2010)
Bild: Nicola Tröhler

WIESENDANGEN - Wer Scheiche zu sich einlädt, muss sich auf etwas gefasst machen. Auch wenn es sich nicht um solche aus dem arabischen Raum handelt. Selbst ein "Scheich" aus dem Zürcher Oberland kann sufistisch anmuten, mystisch und spirituell. Die Musik der Band aus Pfäffikon ist definitiv kein Mainstream. Doch was sonst? Sie selbst sagen, sie machten experimentellen TripHop. Das triffts nicht schlecht. Und doch hilft diese Bezeichnung nur beschränkt weiter, wenn man wissen will, was man nun erwarten soll von einem Scheich Konzert. TripHop ist ein guter Anfang. Die Klänge von Scheich erinnern immer wieder an Portishead, Moloko oder Björk. Sängerin Natasha Yasmeen Hauri singt, spricht und schreit ähnlich wie Björk, mit eindringlicher Stimme.
Musik mit der Kaffeetasse
Doch was heisst "experimentell"? Elektromusik? Ja, Elektronik spielt bei Scheich eine wichtige Rolle. Doch Jean-Claude Horlacher alias Jean van Eisentanz mischt nicht nur einfach irgendwelche Sounds auf dem Computer zusammen. Schon das Erzeugen der Klänge an sich ist "experimentell". Allerlei Alltagsgegenstände werden verkabelt, mit Mikrofonen versehen und zu Instrumenten umfunktioniert. So bastelte er aus irgendwelchen Rohren eine Art Xylofon, aus einem Abflussrohr sein "Shrotophon". Auch Kaffeetasse und Campingkocher werden verwendet. Das Gemisch von Realklangwiedergabe und synthetischer Komposition wird von den Gitarren und Querflötenklängen von Thomas Schönenberg zusammengehalten und in Form gebracht.
Musikalischer Wasserdampf
Ja, die Silbermedaillengewinner von "Battle of the Bands 07/08" machen nicht nur Musik zum Hören, sondern auch zum Schauen. Es ist faszinierend, zu sehen, wie Wasserdampf in Musik übersetzt wird, wie Natasha Yasmeen Hauri nicht nur singt, sondern performt und sie Jean van Eisentanz umtanzt. Die szenischen Elemente werden unterstützt von Lichteffekten. Und so wird das Konzert zu einer Inszenierung, die sich von allem unterscheidet, was man kennt. "Manchmal erinnerte es mich an Cafe del Mar, aber dann auch wieder gar nicht", sagt Konzertbesucher Dani, 30. Unterstrichen wird das Spezielle,
das Andere, in Wiesendangen auch von
den Veranstaltern. "Mir hat das alles
nicht mehr so gepasst, was mir im Ausgang so zur Auswahl stand. So dachte
ich, dann muss ich halt selbst was organisieren", erklärt Initiatorin Florina Stiefel. Das war vor fünf Jahren. Mittlerweile ist "Fernsüchtig" ein Verein - der Verein "Freie Bühnen Wiesendangen" - und die Veranstaltungsreihe ein fester Bestandteil des Kulturlebens der Region Winterthur. Und neben Florina Stiefel sind auch Reta Schudel, Lea Schudel, Ilja Schudel, Reto Müller und Monika Spörri engagiert bei der Sache und sorgen dafür, dass "Fernsüchtig" Alternativen zum gängigen Entertainment bietet. "Scheich ist definitiv nicht Mainstream. Aber das ist bei "Fernsüchtig" immer so. Man weiss nie, was man zu erwarten hat", sagt Ursina, eine Besucherin, die schon mehrmals Veranstaltungen dieses Vereins besucht hat. Es sind aber nicht nur die Bands und Künstler, die "Fernsüchtig" speziell machen. Es sind auch die engagierte, herzliche und einladende Art des Organisationskomitees, der leckere Risotto und die sündhaft guten Kuchen. Es ist aber vor allem auch der Ort: ein paradiesisch schöner, wildromantischer Garten. Selbst wenn man nur Mainstreammusik mag, lohnt es sich nur schon deswegen, hierher zu kommen. Wie kann man hier bloss fernsüchtig werden? Bild: uja


Klassischer Autodidakt
Damals, mit 20 Jahren, sei er als "Gruftie" - schwarz gekleidet, rechte Kopfseite rasiert, linke Seite mit langen Haaren - durch Pfäffikon gelaufen, und man habe hinter vorgehaltener Hand über ihn getuschelt. Mit Gleichgesinnten sei man am Wochenende zu den einschlägigen Gothic-Partys nach Greifensee oder Zürich gefahren.
Während der Ausbildung zum Hochbauzeichner, die er erst viel später wegen der Befähigung zur Lösung von technischen Problemen schätzen lernte, hat er in den Pausen Anleitungen über Computer und technisches Gerät geradezu verschlungen und beispielsweise gelernt, wie man einen Synthesizer von Grund auf programmiert. So sei nach und nach sein eigenes Studio entstanden. "Ich weiss es nicht genau, aber in den letzten 20 Jahren habe ich sehr viel Geld darin investiert."
Seit 15 Jahren tüftelt der Pfäffiker im Luftschutzkeller eines Gebäudes im Industriegebiet Witzberg, wo er auch halbtags als Büroangestellter arbeitet. Der Raum ist voll von elektronischen Geräten, lange Plastikstangen stehen da, und ein selbstgebautes Gestell mit herunterhängenden, verschieden langen und dicken Eisenstangen fällt auf - das "Shrotofon". Ein Minimal-Schlagzeug, Gitarren und Verstärker stehen zur Verfügung, eine Leinwand zieht sich über eine ganze Wandbreite, eine nur bedingt gemütliche Sitzecke vermittelt eine arbeitsame Atmosphäre, alles ist sauber und aufgeräumt.
Klänge aus dem Alltag
Jean-Claude Horlacher hat in seinem musikalischen Leben schon viel Musik auf Tonträger gepresst. "Besonders in der Technozeit 1994/95 produzierte ich mit einem befreundeten DJ Woche für Woche eine neue Platte", sagt er. Damals habe er für eine 20-minütige Synthesizer-Live-Show schon mal 2000 Franken bekommen. Heute ist Horlacher als "Jean von Eisentanz" mit einer Soloshow unterwegs. Dabei unterlegt er mit Ambiente-Musik Hochzeitsaperos oder Boutique-Eröffnungen.
Musikalische Ideen findet er tagtäglich: "Ich laufe an einer Metall-Schiebetür vorbei, lasse meine Hände über die Stangen laufen, und schon habe ich einen neuen metallischen Rhythmus." Diese Sounds verändert Horlacher dann meist bis zur Unkenntlichkeit des Originals und baut sie in seinen Kompositionen ein. Irgendwann möchte er an den Konzerten die einzelnen Sounds mit Videos unterlegen, die deren Ursprung zeigen. "Bei jeder spezifischen Soundsequenz würde ein Videoflash der metallenen Schiebetür im Hintergrund aufblitzen."
Und dann gibt es natürlich noch die Band Scheich, mit welcher der Soundtüftler erst kürzlich einen Auftritt im Zürcher Volkshaus vor knapp 2000 Zuschauern hatte. Jean-Claude Horlacher, Natasha Yasmeen Hauri und Thomas Schönenberg verpassten beim Finale des Wettbewerbs "Battle of the Bands" den ersten Platz nur ganz knapp. "Es war ein Hammerauftritt! Die Resonanz der Leute war grossartig. Es gab einen Moment, als ich ein grosses Plastik-Abwasserrohr rhythmisch bearbeitete, und dieser Rhythmus elektrisierte auf seinem Weg durch den ganzen Saal das Publikum sichtbar."
Hoffnung auf Label
Mit Scheich sind weitere Konzerte, vorwiegend in der Stadt Zürich bereits fix, und Horlacher hat ein gutes Gefühl dabei: "Natashas Stimme ist so kräftig und voll, und auf der Bühne blüht ihr Charisma voll auf - das hat man insbesondere beim Auftritt im Volkshaus sehen können." Der erfahrene Musiker Thomas Schönenberg spielt Gitarre und Querflöte, und beides ergänze seine Sounds perfekt, meint der Komponist.
Man plant nun ein Album, das in Horlachers Studio in Pfäffikon aufgenommen wird. "Ich bringe hier einen guten Sound hin. Aber irgendwann wäre es schon schön, wenn ein Label so richtig Geld in uns investieren würde", meint der Pfäffiker.






